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„Die kollegiale Beratung ist klar auf die Lösung und nicht auf das Problem fokussiert.“

Interview zum Thema „kollegiale Beratung“

Sandra PohlerSandra Pohler

Als Fachberaterin im Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ betreut Sandra Pohler zwei Sprach-Kita-Verbünde in Sachsen. Im Interview erklärt sie, welche Chancen und Herausforderungen die kollegiale Beratung mit sich bringt.

Was verstehen Sie unter kollegialer Beratung?

Kollegiale Beratung ist eine sehr strukturierte Methode zur Fallbesprechung. Sie eignet sich immer dann, wenn Probleme ohne einen externen Supervisor im Team bearbeitet werden können. Sie kann also sehr breit eingesetzt werden.

Was ist der größte Vorteil?

Der größte Vorteil ist die feste Struktur. Diese ermöglicht es, schon in einem Zeitraum von nur einer Stunde zu Lösungsideen zu kommen. Die Teams erhalten einen großen Blumenstrauß an Möglichkeiten, die sie anschließend direkt probieren können. Sie gehen also nicht mit dem Gefühl aus der Beratung „schön, dass wir mal darüber gesprochen haben, aber ich weiß jetzt trotzdem nicht weiter“. Die kollegiale Beratung ist klar auf die Lösung und nicht auf das Problem fokussiert. Das ist der entscheidende Vorteil gegenüber anderen Methoden.

Wie gestaltet sich der Ablauf einer kollegialen Beratung?

Am Anfang einer kollegialen Beratung prüft die Gruppe, wer einen Fall einbringen möchte. Diese Person ist die sogenannte „Fallgeberin“ oder der „Fallgeber“. Danach wird geklärt, wer die Moderation übernimmt. Die Moderatorin oder der Moderator führt durch den Prozess und achtet darauf, dass die Regeln, Rollen und Schritte eingehalten werden. Die Moderation sollte von Fall zu Fall in der Gruppe wechseln. Weil alles so stark strukturiert ist, braucht es auch eine Zeitnehmerin oder einen Zeitnehmer, die die Zeit für die einzelnen Schritte im Blick behalten. Am Ende der kollegialen Beratung sprudeln hoffentlich ganz viele Ideen. Weil sich die Fallgeberin oder der Fallgeber nicht alle sofort merken kann, sollte jemand diese mitschreiben.

Das sind die Hauptrollen. Dann geht es los und die oder der Erste berichtet von seinem Fall.

In einem ersten Schritt kann die Gruppe einfach nur Fragen stellen. Das ist ein sehr entscheidender Teil. Wir Menschen tendieren dazu, sofort Tipps zu äußern, ohne dass wir etwas genau verstanden haben. Der erste Schritt stellt sicher, dass alle genug über den Fall wissen. Die Gruppe fragt also ganz viel zum Kontext, wie etwa zu vorangegangenen Lösungsversuchen oder auch Gefühlen. Solange bis die Beteiligten genug Informationen haben.

Dann geht es darum: Was habe ich empfunden, als die Fallgeberin oder der Fallgeber von dem Problem erzählt hat? Viele können daran mit eigenen Erfahrungen oder Gefühlen anknüpfen: „Ich hatte so etwas auch schon mal, da ging es mir schlecht“. Es kommen auch Solidarisierungen zustande. Die ganze Gruppe ist hier gefordert, zurückzumelden, was sie empfunden hat, als die Fallgeberin oder der Fallgeber erzählt hat. Es geht dabei also noch nicht um Lösungsideen.

Warum ist das wichtig? Die Beteiligten sind keine professionellen Beraterinnen und Berater. Sie beraten nicht allparteilich, sondern parteilich, haben also Sympathien und schlagen sich gegebenenfalls auf eine Seite. Das wird durch die Assoziationsrunde offensichtlich. Sie zeigt außerdem auf, von welcher Seite man den Fall noch betrachten kann. Vielleicht sagt jemand: „Mir tat die Mutter total leid“ – die Fallgeberin hatte bisher jedoch nur Frust über die Mutter.

Das ist der wichtigste Schritt. Hierbei geht es aber nicht darum, sich auf eine Lösung zu verständigen. Es geht darum, Ideen zu finden, die vielleicht nicht am naheliegendsten sind. In normalen Teamgesprächen schießen sich viele schnell auf eine Lösung ein. Dann gibt es einen Einigungszwang. Bei der kollegialen Beratung wird bewusst Vielfalt generiert – ein riesengroßer bunter Blumenstrauß an Ideen. Die Fallgeberin oder der Fallgeber pickt sich dann raus, was für sie oder ihn passt. Dahinter steckt eine sehr systemische Idee, denn wir können nicht wissen, was für die Fallgeberin oder den Fallgeber das Richtige ist. Es ist deshalb wichtig, möglichst quer zu denken und viele verschiedene Lösungsideen zu entwickeln.

Am Ende sagt die Fallgeberin oder der Fallgeber, was interessant war und was total auf Widerstand gestoßen ist. Dann vereinbart man einen Rückmeldetermin. Das finde ich notwendig, denn da haben sich Leute angestrengt und sich Gedanken gemacht – dafür sollten sie später auch Rückmeldung erhalten.

Welche Chancen bietet die kollegiale Beratung den Kita-Teams? Was ist der Mehrwert?

Der größte Nutzen in meinen Augen ist, dass der eindimensionale Blick auf das Kind oder die Eltern aufgehoben wird, indem man die Perspektiven der Kolleginnen und Kollegen hinzufügt. Die Erzieherinnen und Erzieher berichten mir außerdem oft, dass sie das Gefühl haben, sich tatsächlich wieder mehr der inhaltlichen Arbeit widmen zu können. Wenn man sich im Team die Zeit für Einzelfallbesprechungen nimmt, entsteht mehr Zufriedenheit. Es geht dabei im Grunde auch um die Wertschätzung der Kolleginnen und Kollegen.

Die Methode ist auch eine wahnsinnig gute Methode für Teams, die noch nicht so tolerant gegenüber Vielfalt sind, denn in der kollegialen Beratung habe ich etwas davon, andere Meinungen zu tolerieren. Sie üben, Meinungen nebeneinander stehen zu lassen. Derjenige, der am weitesten von mir weg ist, bringt mir oft die meisten Ideen. Die kollegiale Beratung ist also eigentlich eine Weiterbildung in Akzeptanz, Toleranz und Vielfalt. Und das passt super zum Bundesprogramm „Sprach-Kitas“.

Welche Themen können in der kollegialen Beratung besprochen werden und welche nicht?

Grundsätzlich kann alles bearbeitet werden: Schwierigkeiten mit Eltern, Schwierigkeiten mit Kindern und auch Schwierigkeiten mit Abläufen. Was nicht geht, sind Konflikte im Team. Das kann man nicht ohne externe Hilfe lösen.

In welchen Bereichen haben Sprach-Kitas besonderen Beratungsbedarf? Welche Themen bearbeiten sie mit Hilfe der kollegialen Beratung?

Den größten Unterstützungsbedarf haben die Teams der Sprach-Kitas bei der Zusammenarbeit mit den Familien. Sie kriegen zum Beispiel keinen Zugang zu den Eltern oder fürchten sich vor Entwicklungsgesprächen. Es gibt eine große Sicherheit und Kompetenz in der Arbeit mit den Kindern, jedoch häufig Unsicherheit im Umgang mit den Eltern. Mit der kollegialen Beratung kann man sich sehr viel Unterstützung von den Kolleginnen und Kollegen holen.

Können Sie ein Beispiel für eine kollegiale Beratung in einer Sprach-Kita nennen?

Es gab mal eine kollegiale Beratung in einer kleinen städtischen Einrichtung, die dem Bürgermeister unterstellt war. Die Kita-Leitung hatte eine Beratung angeregt und gesagt: „Ich weiß nicht mehr weiter – er mischt sich überall ein. Alle Entscheidungen, die ich treffe, stellt er in Frage. Was kann ich machen?“ Sie war ganz verzweifelt. In der Runde kamen dann sehr viele Ideen. Wichtig finde ich, dass auch verrückte Ideen dabei sind, deswegen halte ich die Lösungsrunden immer lustig und lässig. Ein Mitglied schlug dann vor: „Du bist ledig, er ist ledig, heirate doch einfach den Bürgermeister! Dann habt ihr die Probleme nicht mehr.“ Das war natürlich ein Witz.

Beim Rückmeldetermin berichtete die Kita-Leitung dann, wie es in dem Fall weiterging: „Ihr werdet es nicht glauben – aber im Nachgang hat mich am meisten die Idee beschäftigt, ihn zu heiraten.“ Das hat sie natürlich nicht getan, aber sie hat ihn zum Essen eingeladen und außerhalb der beruflichen Sphäre mit ihm gesprochen. Sie hat erzählt, wie es ihr damit geht – seitdem ist die Einmischung kein Thema mehr.

Daran sieht man: Es sind oft nicht die naheliegendsten Ideen, die etwas auslösen und Bewegung in den Fall bringen. Denn an die haben die Kolleginnen und Kollegen oft auch selbst schon gedacht. Die Fälle werden ja meistens erst in die Beratung eingebracht, wenn sie selbst schon viel ausprobiert haben. Dann braucht es ganz neue Ideen, die in eine ganz andere Richtung lenken.

Wie sollte die Gruppe zusammengesetzt sein?

Möglichst heterogen – je unterschiedlicher, desto besser. Dies kriegt man in der Kita oft nicht hin, die Teams können aber zum Beispiel auch die Küchenhilfe oder die Bürokraft mit einbeziehen. Je weiter weg sie sind, desto multiperspektivischer sind die Sichtweisen. Umso vertrauter das Kind oder die Eltern, desto eingeschränkter sind die Blickwinkel. Am besten ist es also, wenn die anderen in der Gruppe wenig mit dem Kind oder den Eltern zu tun hatten, um die es geht. Es muss aber auch organisatorisch machbar sein. Es kann deshalb auch jedes Mal eine andere Gruppenzusammensetzung geben. Wer Zeit hat, beteiligt sich.

Welche Herausforderungen gibt es bei der kollegialen Beratung?  

Eine Herausforderung ist immer die Teilnahme der Leitung. Bei der kollegialen Beratung geht es um absolute Gleichwertigkeit von allen Ideen und nicht darum, einen Weg vorzugeben. Es gibt dann oft die Situation, dass die Fallgeberin oder der Fallgeber die Vorschläge der Leitung nicht ablehnen mag oder nicht offen dafür ist. Es muss also genau abgeklärt werden, ob die Leitung teilnehmen sollte.

Ein zweiter großer Fallstrick ist die Zeit. Auch wenn es eine sehr strukturierte Methode ist, braucht sie Zeit, um eingeführt werden. Dafür muss zum Beispiel ein Teamtag freigeschaufelt werden. Und im Kita-Alltag müssen die 45 Minuten für die Besprechung da sein. Das ist immer wieder ein Problem. Die Fachkräfte sagen: „die kollegiale Beratung hilft uns total und ist total wichtig, aber wir haben einen riesen Krankenstand oder einen schlechten Betreuungsschlüssel und wissen nicht, wie wir es noch reinpressen sollen“.

Wenn eine Kita überlegt, mit der kollegialen Beratung zu beginnen: Welche Tipps haben Sie?

Die Kita sollte sich jemanden suchen, der die Methode ein- bis zweimal mit dem Team durchführt und erklärt. Mehr braucht es eigentlich nicht. Es ist wichtig, einmal die Schrittfolge einzuführen und die Regeln zu verinnerlichen. Dies können zum Beispiel systemisch ausgebildete Supervisorinnen und Supervisoren übernehmen.

Wichtig ist auch, die kollegiale Beratung gut in den Kita-Alltag zu integrieren. Dafür gibt es zwei Modelle. Erstens: Beratung nach Bedarf. Hat eine Kollegin oder ein Kollege Hilfebedarf, schreibt sie oder er dies an eine Pinnwand. Alle, die Zeit und Lust haben, tragen sich dazu ein und vereinbaren einen Termin für die Beratung. Zweitens: Regelmäßige Beratung. Die kollegiale Beratung wird zum Beispiel immer nach der Dienstbesprechung durchgeführt. Was nicht gut klappt, sind extra Termine am Abend. Dann ist der Preis der Kolleginnen und Kollegen dafür viel zu hoch und es entsteht schnell Frustration.

Wie kann man als Fachberatung die Sprach-Kitas konkret bei der kollegialen Beratung unterstützen?

In den regelmäßig stattfindenden Tandem-Treffen ist auch die Durchführung einer kollegialen Beratung möglich. Die Tandems bringen ihre Fälle mit und wir bearbeiten sie. Die Sprach-Fachkräfte und Kita-Leitungen lernen die Methode dadurch kennen und können sie dann auch in ihrer Kita durchführen.

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