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Frühe Bildung und frühe Lernprozesse

Experteninterview mit Prof. Dr. Gerd E. Schäfer

Prof. Dr. Gerd E. SchäferProf. Dr. Gerd E. Schäfer

Prof. Dr. Gerd E. Schäfer ist emeritierter Professor der Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität zu Köln und Professor im Bereich "Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit" an der Hochschule für Künste in Bremen.

In seiner wissenschaftlichen Arbeit befasst er sich mit frühkindlicher Bildungsforschung, Naturwissen der Kinder, ästhetischer Bildung und Spiel.

Wie kann die sprachpädagogische Arbeit mit Kindern speziell in den ersten drei Lebensjahren gestaltet werden?

Sprachliche Bildungsarbeit sollte sich daran ausrichten, Erlebtes, Erfahrenes, Empfundenes, Gefühltes mit Hilfe der Sprache auszudrücken. Das setzt zum einen voraus, dass man bedeutungsvolle Erfahrungen macht. Zum zweiten setzt dies voraus, dass es Menschen gibt, die Kindern in diesen Situationen Wörter und Sätze anbieten, mit deren Hilfe sie über diese Erfahrungen sprechen können. Das ist die wichtigste Aufgabe der frühkindlichen sprachlichen Bildung.

Diese Aufgabe verändert sich prinzipiell nicht im Verlauf der Kindheit. Es gibt nur immer wieder Neues – Ereignisse, Erlebnisse, zwischenmenschliche Beziehungen – die in Sprache gefasst werden. Sprache wächst entlang der Erfahrungsmöglichkeiten der Kinder. Diese Erfahrungen betten Erwachsene – Eltern, Erzieherinnen und Erzieher – in einen sozialen Rahmen ein. Sie richten die Aufmerksamkeit auf ausgewählte Dinge, betonen, was wichtig sein könnte, ignorieren Nebensächliches. Dadurch machen sie die Situation für die Kinder überschaubar.

Sprachliche Bildung sollte man nicht als eigenes Fach oder gesonderte Förderung betreiben, sondern als eine ständige Aufgabe, die mit anderen frühpädagogischen Bildungsaufgaben untrennbar verbunden ist.

Wie bewerten Sie als Experte Sprachförderprogramme (wie z. B. das Würzburger Trainingsprogramm) und ihren Einsatz in der Kita?

Tests und Fördermaterialien können Rahmenbedingungen, die es dem Personal in Einrichtungen ermöglichen, sich auf die Kinder einzulassen, nicht ersetzen. Erzieherinnen und Erzieher, die mit den Kindern in ständigem Austausch sind, bemerken auch ohne Test, ob diese sprachliche Schwierigkeiten haben. Daher ist die Durchführung von Sprachförderprogrammen im Sinne therapeutischer Maßnahmen keine direkte Aufgabe von Erzieherinnen und Erziehern. Eine grundlegende Aufgabe von Erzieherinnen und Erziehern ist jedoch die sprachliche Bildung. Sprachliche Bildung umfasst die alltagsintegrierte Sprachförderung, wie sie zum Beispiel in Schwerpunkt-Kitas durchgeführt werden soll.

Um sprachliche Bildung in den Kita-Alltag zu integrieren, müssen Erzieherinnen und Erzieher nachvollziehen, was das Sprechenlernen für das kindliche Welterleben und Weltverständnis bedeutet. Aus der Zusammenarbeit mit entsprechend geschulten Fachkräften können sie wertvolle Hinweise für ihre sprachliche Alltagsgestaltung gewinnen.

Aus dieser Sicht gibt es für die Zusammenarbeit mit sprachpädagogischen Fachkräften zwei Aufgabenbereiche: zum einen die spezielle Betreuung von Kindern mit sprachlichen Besonderheiten; zum anderen die Mithilfe bei der Entwicklung einer differenzierten Sprachkultur in der Einrichtung.

Neben dem pädagogischen Personal oder sprachpädagogischen Fachkräften spielen die Gleichaltrigen eine wesentliche Rolle. Sie bilden den täglichen Resonanzraum, in dem Kinder ihre Spracherfahrungen in einen ständigen Prozess des Sprechens gemeinsam voranbringen. Darüber hinaus liefert die Gruppe der anderen Kinder einen ständigen Vorrat an neuen Formen sprachlicher Wendungen und Gelegenheiten zur Selbstkorrektur des eigenen Sprechens.

Vor allem bei unserer Projektarbeit bei Kindern unter drei Jahren sind wir uns manchmal unsicher bei der Themenfindung. Gegenwärtig nutzen wir Gemeinschaftserlebnisse, Naturphänomene, Feste und Traditionen als Anlässe für Projekte, gelegentlich regt aber auch die Erzieherin Projekte an. Wo können wir Anregungen für Themen finden? Lernen Kinder auch in Projekten optimal, die die Erzieherin anregt?

Es gibt angeleitete Projekte und Projekte, die sich hauptsächlich entlang der Ideen der Kinder entwickeln. Letztere sind jedoch nur da möglich, wo es Räume, Materialien und Werkzeuge gibt, mit deren Hilfe Kinder auch von selbst auf Ideen kommen können. Die Ideen von Kindern entspringen nämlich nicht als Kopfgeburten einer ursprünglichen Phantasie, sondern aus den Handlungsmöglichkeiten, die sie in einem anregungsreichen Umfeld haben.

In Fällen, in denen die Projekte von Erwachsenen angeregt werden, sollte man darauf achten, dass Kinder bei den Entscheidungsprozessen ausreichend mitwirken können. Allerdings ist dabei immer das Risiko gegeben, dass Kinder sich den Initiativen der Erwachsenen unterwerfen, insbesondere wenn sie es gewohnt sind, dass Erwachsene das Sagen haben.

Wie sollten Erzieherinnen und Erzieher am besten sprachlich reagieren, wenn Kinder Anderen das Spielzeug wegnehmen oder beißen und damit heftige Reaktionen auslösen?

Es gibt auf diese Frage keine allgemein gültige Antwort außer der, dass man – bevor man überhaupt pädagogisch reagiert – hinterfragen sollte, warum das Kind sich so verhalten könnte. Aus der Sicht des Kindes macht sein Verhalten immer Sinn, auch wenn dieser Sinn für uns nicht immer einsichtig ist oder von uns nicht toleriert werden kann. Eine pädagogische Antwort, die nur auf eine Veränderung des kindlichen Verhaltens zielt, verbessert nicht die Bewältigungsmöglichkeiten des Kindes in solchen Situationen. Das Kind sollte dabei das Gefühl haben, dass sein tieferliegendes Anliegen verstanden wird.

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