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Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Tietze

Zusammenarbeit mit Eltern

Prof. Dr. Wolfgang TietzeProf. Dr. Wolfgang Tietze

Prof. Dr. Wolfgang Tietze ist emeritierter Professor für Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin und Geschäftsführer der Pädagogischen Qualitäts-Informations-Systeme gGmbH (PädQUIS), einem Kooperationsinstitut der Freien Universität Berlin. Unter anderem ist PädQUIS Studienpartner der Studie zur Nationalen Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK).

In der NUBBEK-Studie untersuchen Sie u.a. die kindliche Bildung und Entwicklung in Abhängigkeit von institutionellen, aber auch familiären Faktoren. Zu welchen Ergebnissen kommen Sie?

Schon im frühen Kindesalter lassen sich große Unterschiede in der Bildung und Entwicklung von Kindern feststellen. Das gilt für verschiedene Bereiche wie sprachliche Fertigkeiten, Kommunikationsverhalten, soziale Kompetenzen oder auch Alltagsfertigkeiten der Kinder. Soziale Unterschiede können zu einem erheblichen Teil durch Faktoren in den Betreuungseinrichtungen und in den Familien erklärt werden. Der Einfluss von familiären Faktoren der Bildung und Entwicklung ist dabei im Regelfall deutlich größer als der von institutionellen Faktoren. Dabei geht es nicht nur um familienstrukturelle Faktoren wie Bildungsstand der Eltern, sozioökonomischer Status der Familie oder mütterliche Erwerbstätigkeit. Wichtig sind auch die ganz konkreten Anregungen, die ein Kind in seiner Familie im Alltag erhält, gemeinsame Aktivitäten mit dem Kind und vielfältige gemeinsame Erfahrungsmöglichkeiten.

In der Konsequenz: Wie bewerten Sie, dass Bundesprogramme wie die „Sprach-Kitas“ nicht nur die frühpädagogischen Fachkräfte in den Sprach-Kitas, sondern auch die Famlien der Kinder einbeziehen, um langfristige Wirkungen zu erzielen?

Programme früher Bildung und Entwicklung von Kindern, die auf eine Förderung nur im institutionellen Rahmen setzen, ignorieren einen wesentlichen Teil der Lebenswelt der Kinder und damit einen wichtigen Ansatzpunkt zur Förderung der Kinder. Es kann als gesicherte Erkenntnis aus der internationalen Forschung gelten, dass Programme früher Förderung die beste Wirkung entfalten, wenn sie neben der direkten Förderung des Kindes im institutionellen Rahmen auch eine „Elternkomponente“ enthalten. Vor diesem Hintergrund ist es absolut folgerichtig und notwendig, dass im Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ auch die Familien einbezogen sind und ihre wichtige Rolle und ihr hoher Stellenwert für die Bildung und Entwicklung der Kinder erkannt werden. Es ist oft nicht einfach, diesen Anspruch in der Praxis einzulösen und wir benötigen hierzu sicherlich noch Einiges an Entwicklungsarbeit.

Was macht Ihrer Ansicht nach eine gute und erfolgreiche Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Fachkraft in der Kita bzw. Tagespflegeperson aus?

Die Grundlage einer gelingenden Erziehungspartnerschaft ist das Bewusstsein der gemeinsamen, zwischen beiden Partnern geteilten Verantwortung für das Kind – getragen von wechselseitigem Vertrauen und der Begegnung auf Augenhöhe. Diese Partnerschaft von Einrichtungen und Eltern kann sich bei den einzelnen Kindern und je nach Lage recht unterschiedlich gestalten. Es gibt aber wichtige Rahmenbedingungen für ihr Gelingen, von denen ich drei nennen möchte:

  1. Beide Partner kennen den Lebensraum des Kindes auf der jeweils „anderen Seite“. Ein Hausbesuch einmal im Jahr und umgekehrt ein Elternbesuch in der Gruppe des Kindes sollten zum Standard gehören.
  2. Ein gemeinsamer Austausch über Bildung und Entwicklung des Kindes ist fest verankert. Neben den üblichen Tür- und Angel-Gesprächen, Elternabenden und gemeinsamen Festen gibt es wenigstens einmal, besser zweimal im Jahr ein von beiden Seiten gut vorbereitetes Bildungs- und Entwicklungsgespräch über das Kind, in dem nicht nur Vergangenes reflektiert, sondern auch Zukünftiges angesprochen wird.
  3. Beide Seiten leben eine vertrauensvolle Beziehung und kooperieren miteinander. Das gilt im Falle von Besonderheiten mit dem Kind, bei potenziellen Konflikten, bei der Zusammenarbeit mit externen Diensten.

Sie schreiben, dass Eltern früh in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt und unterstützt werden sollten. Wie kann die Unterstützung der Eltern aussehen und welche Rolle können Kindertageseinrichtungen oder Tagespflegepersonen übernehmen?

Eine gelebte Erziehungspartnerschaft bedeutet für sich genommen eine Stärkung der Eltern. Einbindung und Kooperation von Einrichtungen mit den Erziehungsverantwortlichen werten die Elternrolle auf; zugleich öffnen und weiten sie den Zugang zu Familien. Kitas wie Kindertagespflegestellen werden in Zukunft nicht mehr nur auf Bildung, Betreuung und Erziehung der Kinder spezialisierte Einrichtungen sein. In vielen Fällen halten sie schon heute eine Plattform bereit für Eltern-Treffs und Eltern-Kind-Gruppen, lange bevor das Kind auch außerfamiliär betreut wird. In den meisten Bundesländern haben sich Einrichtungen schon auf den Weg zu „Familienzentren“ oder „Eltern-Kind-Zentren“ gemacht und bieten unter ihrem Dach Zugänge zur Familienbildung und Familienberatung sowie zu sozialer und kultureller Integration (z. B. Sprachangebote für Familien mit Migrationshintergrund) an. Sie bündeln damit gegebene Ressourcen im Sozialraum und machen sie in niederschwelliger Form für Familien zugänglich. Die Bedarfe bei den Familien sind dabei je nach Sozialraum unterschiedlich. Deswegen sollten Eltern in die Bedarfsanalyse und die Gestaltung von Angeboten zur Unterstützung von Familien mit einbezogen werden.

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