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„Die Methode Videografie zoomt im wahrsten Sinne des Wortes in den Kita-Alltag hinein.“

Interview mit Eva Born-Rauchenecker

Eva Born-RaucheneckerEva Born-Rauchenecker

Dr. Eva Born-Rauchenecker arbeitet beim Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Sie beschäftigt sich dort mit der sprachlichen und kognitiven Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, aber auch mit früher Bildung im MINT-Bereich. Zu ihrer Arbeit beim DJI gehört es, Qualifizierungskonzepte für Fachkräfte in Kindertagesstätten zu entwickeln. In diesem Rahmen beschäftigt sich Frau Born-Rauchenecker auch mit der Methode Videografie und wie sie für die Aus- und Weiterbildung genutzt werden kann. Im Interview berichtet sie, was es bringt, Alltagssituationen zu filmen und wie das zur Professionalisierung des Kollegiums beitragen kann.

Videografie – was ist unter diesem Begriff überhaupt zu verstehen?

Videografie bedeutet in Bezug auf die Kindertagesbetreuung, Situationen aus dem Kita-Alltag aufzuzeichnen, diese Aufnahmen später heranzuziehen und die pädagogische Arbeit zu analysieren und zu reflektieren. Das Aufnehmen selbst - beispielsweise mit einem digitalen Camcorder - ist nur ein kleiner Zwischenschritt. Im Vordergrund steht die videogestützte Analyse und Reflexion.

Welche Chancen bietet die Videografie speziell für die alltagsintegrierte sprachliche Bildung?

Zunächst ist sie für mich ein Instrument für die individuelle berufliche Weiterentwicklung. Sie kann auch die sprachpädagogische Arbeit unterstützen, zum Beispiel im Hinblick auf die Beziehungsgestaltung zwischen Kind und Fachkraft oder auf die Unterstützung von Sprachbildungsprozessen. Bereits das Aufzeichnen mit einer gezielten Beobachtungsfrage ist ein erster professioneller Schritt. Diese Fragen können sich an den Ebenen orientieren, mit denen in den Sprach-Kitas gearbeitet wird: das sind die Ebene Kind, die Ebene Fachkraft oder die Ebene Situation. Die Fragen können relativ eng gestellt sein. Nehmen wir beispielsweise an, wir möchten das Miteinander eines eher neuen Kindes in der Einrichtung mit den anderen Kindern beobachten. Da kann man fragen: Wie kommt zum Ausdruck, dass es mitspielen möchte? Oder: Welche Mittel stehen ihm zu Verfügung, das gemeinsame Spiel zu gestalten? Das können auch größere Fragen sein, beispielsweise in einer Freispielsituation: Welche Interaktionen lässt die Situation überhaupt zu? Wie bringt sich die Fachkraft ein? Was machen die Kinder? Welches Sprachbildungspotenzial steckt in dieser Freispielsituation? Viele Brettspiel bieten außergewöhnlich viel Sprachpotenzial, wenn man beispielsweise Spielfelder abzählen, kleine Gegenstände sammeln oder die Gültigkeit von Regeln diskutieren muss. Die Analyse solcher Situationen bietet die Möglichkeit herauszuarbeiten, wie das Sprachpotenzial genutzt wird und ob man es eventuell noch ausbauen kann.

Manche Erzieherinnen und Erzieher haben Hemmungen sich filmen zu lassen. Wie lassen sie sich vielleicht doch überzeugen, es mal auszuprobieren? Welche Vorteile bietet die Methode überhaupt für die pädagogischen Fachkräfte?

Aus der Praxis wissen wir, dass Überredung hier keinen Sinn macht. Das Filmen von Personen berührt Persönlichkeitsrechte, deshalb braucht es Vertrauen innerhalb des Kita-Teams und vor allem auch zur Leitung. Lust auf die Methode kommt von selbst, wenn man sich zunächst Videomaterial von anderen Einrichtungen und Fachkräften anschaut. Dazu gibt es bereits einige DVDs im Handel, auch online gibt es ausgezeichnete Videoszenen. Im nächsten Schritt braucht es Pionierinnen und Pioniere von innen. Das können zum Beispiel die zusätzlichen Fachkräfte mit Expertise im Bereich sprachliche Bildung sein, die sich aufnehmen lassen und die Szenen in einer Teamsitzung diskutieren. Sollte es Teammitglieder geben, die nicht mit der Methode arbeiten wollen, müssen klare Absprachen getroffen werden, zum Beispiel wer die Aufnahmen sehen und besprechen darf. Das Team muss sich dann darüber einigen, wie es vorgehen will. Hier ist, wie so oft, Transparenz wichtig. Und Offenheit. Und Kreativität – alternativ können zum Beispiel kurze Dialog-Mitschriften entstehen, die ebenso gemeinsam besprochen werden können. Auch eine reine Audio-Aufzeichnung, eventuell ergänzt durch ein Foto der Situation, kann die eigenen Stärken in der Sprachbildungsarbeit klar machen. Denn um die geht es ja, um die Stärken, um ein „Mehr davon“.

Ich glaube, letztendlich kommt die Überzeugung, wenn man den Erfolg sieht. Durch Videografie schärfen die Fachkräfte nicht nur ihre Fähigkeit zur gezielten Beobachtung, sondern erreichen einen echten Erkenntnisgewinn: Sie wissen mehr über das Kind, können die Sprachentwicklungsprozesse schneller erkennen und gewinnen Sicherheit in der Querschnittsaufgabe sprachliche Bildung. Wenn sich ein Team einzelne Szenen anschaut und sich kompetenzorientiert darüber austauscht, kommt der Prozess in den Fluss.

Was bringt die Methode, was die reine Beobachtung und der kollegiale Austausch im Team nicht kann?

Videografie erlaubt es, Szenen langsamer, in Zeitlupe und in Form von Standbildern zu betrachten. Vor allem erlaubt sie, die Szenen immer wieder unter einer neuen Fragenstellung anzuschauen. So kann man genau analysieren, auf welchen Ebenen was passiert ist. Über die Reflexion klärt sich, ob solche Situationen in Zukunft anders gestaltet werden wollen. Das gemeinsame Besprechen im Team korrigiert auch Wahrnehmungsverzerrungen. Subjektive Erinnerungen an eine Situation werden auf eine Faktenbasis gestellt. Ein großer Gewinn liegt für mich darin, dass bei einer Situation mit mehreren Kindern bei der Reflexion die Perspektiven der einzelnen Kinder eingenommen werden können: Wie hat sich welches Kind eingebracht?

Insgesamt sind natürlich die Aufgaben in einer Einrichtung enorm umfangreich; eine Methode kann selbstverständlich nicht für alles als Unterstützung herhalten. Die Methode eignet sich meines Erachtens besonders für die Team-Entwicklung im Bereich alltagsintegrierte sprachliche Bildung bzw. allgemein zur Weiterentwicklung als Bildungsinstitution. In Teams können sich Kulturen entwickeln, die das Handeln der einzelnen Fachkräfte stark beeinflussen. Das kann auch und gerade die Sprache, das sprachliche Miteinander sowie die Sprachbildungsarbeit betreffen.

Welche Szenen eignen sich für die Methode und welche nicht?

Besonders gut eignen sich kurze, positive Szenen, die keine lange Analyse brauchen. Lange Szenen mit vielen Kindern wie beispielsweise das gesamte Frühstück oder auch Konfliktsituationen sind nicht so gut geeignet. In jeder Besprechung sollte das Positive im Vordergrund stehen.

Wie sieht ein typischer Ablauf aus und was müssen die Fachkräfte dabei beachten?

Zunächst braucht es eine Teamentscheidung. Auch wenn nicht alle Fachkräfte mitmachen, sollten alle Teammitglieder informiert sein und sich eingeladen fühlen. Dann wären die Verantwortlichkeiten zu klären. Jemand muss zum Beispiel die Einverständniserklärungen der Eltern einholen. Dann gibt es die Organisation rund um die Technik: Sind alle notwendigen Geräte vorhanden? Es muss abgesprochen werden, wer die Datenverwaltung übernimmt, wo die Aufzeichnungen gespeichert und gelagert werden. Schließlich braucht es eine Zeiteinheit, in der die Aufnahmen angeschaut werden. Dabei würde ich den einfachsten Weg gehen und sagen: „Wir nehmen nur genau so viel auf, wie wir auch anschauen können.“ Ansonsten entsteht schnell Frust und das Gefühl, nicht alles schaffen zu können. Der Spaß darf nicht verloren gehen. Man muss sich eingestehen, dass zumindest in der Anfangsphase andere Aufgaben wegfallen werden, wie zum Beispiel die Fotoentwicklung vom Ausflug oder aufwändige Feiern mit Eltern.

Welche Rahmenbedingungen braucht es (zum Beispiel besondere Ausbildung, Ausstattung mit Kamera, personelle und zeitliche Ressourcen)?

Neben der Zeit für die Aufnahmen und die Besprechungen sind ein Datenschutzkonzept und die Einverständniserklärungen der Eltern wichtige Voraussetzungen. Ich habe den Eindruck, dass Fotografieren und Filmen in Zeiten des Smartphones nicht mehr so speziell sind und die pädagogischen Fachkräfte für die technischen Aspekte keinen großen Unterstützungsbedarf haben. Die zusätzliche Fachkraft in den Sprach-Kitas oder die Fachberatung können dabei unterstützen, die Erkenntnisse aus den Videosequenzen an den theoretischen Input und entwicklungspsychologische Grundlagen rückzukoppeln.

Können Sie ein Beispiel nennen? Wie wurde die Videografie in einer Kita eingesetzt? Was wurde gefilmt und was hat dies bewirkt?

Eine Szene hat mich besonders berührt. In der Kita wurde die Methode Videografie gerade eingeführt und die Sprachexpertin hatte den neuen Camcorder zum ersten Mal in der Hand, sie startet wohl eher zufällig die Aufnahme. Ein etwa vierjähriger Junge mit Deutsch als Zweitsprache kannte offensichtlich solche Geräte und hat mit seiner Hand immer diese Aufklappbewegung des Bildschirms vorgemacht und schließlich, da die Sprachexpertin zunächst in die Technik so vertieft schien, ihren Namen gerufen. In der Aufnahme konnte man die ganzen Grundkompetenzen der Kommunikation erkennen: das Anschauen, das Bemühen um Augenkontakt, das offene Lächeln und die Handbewegung – alles drückte aus: „Schau her, ich zeig dir, wie es geht!“. Das war für mich wieder ein Beispiel dafür, dass Sprache - wie es im Konzept der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung formuliert ist - diesen weiten Blick fordert. In so einem Moment kann man über das gemeinsame Thema mit sprachlicher Bildungsarbeit ansetzen, also hier die Bewegung des Jungen sprachlich begleiten. Das ist etwas, das direkt beim Kind ankommt. Die Szene ist für mich ein Beispiel für eine bedeutungsvolle Situation für die Beteiligten. Deswegen mochte ich die Situation so gerne. Sie zeigt deutlich, wie viel Sprachkompetenzen die Kinder mitbringen und wie das Sprachbildungspotenzial der Situation genutzt werden kann. In diesen kleinen, alltäglichen Gesprächen wird Sprache aufgebaut.

Für was können die Ergebnisse noch genutzt werden?

Die Methode zoomt im wahrsten Sinne des Wortes in den Kita-Alltag hinein und ruft viele positive Begleitprozesse hervor. Die ausgelöste Reflexion stärkt das Besinnen auf die eigentlichen Aufgaben und lenkt die Aufmerksamkeit auf die alltäglichen Situationen in der Kita und deren Bildungschancen.

Videografie ist außerdem ein wunderbares Instrument für die Zusammenarbeit mit den Familien. Für die pädagogischen Fachkräfte ist es eine Chance, damit die eigene Professionalität zu zeigen. Sie können im Elterngespräch kurze Szenen vom Kind zeigen und diese fundiert kommentieren. So zeigen sie den Eltern, wie sie auf das Kind eingehen, um es in seiner Sprachentwicklung zu begleiten. Das macht Eindruck und stärkt sowohl das Selbstvertrauen und auch das Vertrauen zwischen Kita und Eltern. Das ist durch andere Beobachtungsmethoden schwieriger zu schaffen. Es ist wichtig, dass sich die Kitas als Bildungsinstitutionen begreifen und das nach außen deutlich machen.

Wo finden Kitas weitere Informationen zur Videografie?

Im Projekt „Lerngelegenheiten für Kinder bis 4“ der Bildungsdirektion des Kantons Zürich sind viele Videoszenen entstanden, durch die Fachkräfte einen Einstieg in die Videografie finden können. Das Materialpaket „Die Sprache der Jüngsten entdecken und begleiten“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI) bietet Instrumente zu Beobachtung und Dokumentation von Kindersprache sowie Leitfäden zur Reflexion. Dörte Weltzien hat den Fragebogen „GInA“ (Gestaltung von Interaktionsgelegenheiten im Alltag) entwickelt und die DVD „Momente gestalten – Dialoge in Kitas“ herausgegeben. Beides ist online abrufbar. Wer sich zum Thema eingehender informieren möchte, findet im von Klaus Fröhlich-Gildhoff und anderen herausgegebenen Sammelband „Kompetenzentwicklung und Kompetenzerfassung in der Frühpädagogik“ ein spannendes Kapitel zur Analyse von Videosequenzen.

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