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„Der Schwerpunkt inklusiver Pädagogik ist, Barrieren in der Kita zu identifizieren und sie zu überwinden.“

Experteninterview zum Thema „inklusive Pädagogik“

Prof. Dr. Timm AlbersProf. Dr. Timm Albers

Prof. Dr. Timm Albers ist Professor für inklusive Pädagogik an der Universität Paderborn. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Inklusion in Kitas und Grundschulen sowie alltagsintegrierte sprachliche Bildung und Förderung. 

Welche Tipps haben Sie für Kitas, die sich mit inklusiver Pädagogik auseinandersetzen möchten?

Der Schwerpunkt inklusiver Pädagogik ist, Barrieren in der Kita zu identifizieren und zu überwinden. Dies können räumliche Barrieren sein, aber vor allem auch Bildungsbarrieren. Dazu zählen zum Beispiel die soziale und kulturelle Herkunft. Zu Beginn sollte eine Kita prüfen, wo Kinder in der Einrichtung benachteiligt werden und wie diese Barrieren abgebaut werden können. Dafür kann sie sich zum Beispiel fragen: Ist unsere Kita für alle Familien offen? Begegnen wir allen Familien mit Wertschätzung oder haben wir Vorurteile? 

Die meisten Kitas haben sich schon auf den Weg zu einer inklusiven Kita gemacht. Und zwar immer dann, wenn es bereits um Aspekte von Vielfalt geht. So zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Familien mit Migrationshintergrund. Eine Kita sollte sich deshalb auch bewusst machen, was sie schon alles erarbeitet hat. Dafür kann das Kita-Team gemeinsam reflektieren: Was haben wir schon erreicht und wie können wir uns noch verbessern? Welche Fragen wollen wir uns noch stellen? Und was bedeutet dies alles für das eigene pädagogische Handeln?  

Es gibt vielfältiges Material, das Kitas auf dem Weg zu einer inklusiven Kita unterstützt. Das bekannteste ist der Index für Inklusion. Der Fragenkatalog hilft den Kitas, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln und nächste Schritte zu planen. Kitas können den Index als Anreiz nutzen, sich mit der eigenen Arbeit auseinanderzusetzen.  

Wie können Kitas an einer inklusiven Haltung im Team arbeiten?

Bevor eine inklusive Haltung im Team entwickelt werden kann, steht die Selbstreflexion im Vordergrund. Jede pädagogische Fachkraft sollte sich zunächst mit der eigenen Einstellung und auch Vorurteilen und Sorgen auseinandersetzen. Jede Fachkraft muss erklären können, was für sie Inklusion bedeutet. Anschließend kann überlegt werden, was dies für die eigene inklusive pädagogische Arbeit heißt.  

Versteht man Inklusion als Prozess, bedeutet es auch, dass ein Team sich über seine Haltung einig ist. Das gesamte Team muss die gleiche Sprache sprechen. Das ist sehr zentral. Ein Kita-Team besteht jedoch aus vielen verschiedenen Persönlichkeiten. Die pädagogischen Fachkräfte haben wahrscheinlich unterschiedliche Einstellungen und Vorurteile zu Inklusion und Vielfalt. Dies sollte ein Team erkennen und thematisieren, um daraus dann einen gemeinsamen Standpunkt zu entwickeln. Erst dann kann inklusive Pädagogik konsequent in der Praxis umgesetzt werden.  

Welche Schritte folgen dann?

Ein Kita-Team kann sich dann zum Beispiel kritisch mit dem Spielmaterial in der Kita auseinandersetzen. Die pädagogischen Fachkräfte werden dadurch für Benachteiligungen im Material oder dem alltäglichen Zusammenleben in der Kita sensibilisiert. Dies bestimmt dann wiederum auch eine veränderte pädagogische Haltung und das pädagogische Handeln.  

Das Spielmaterial kann zum Beispiel hinsichtlich Geschlechterstereotype analysiert werden: Was ist in unserer Kita „typisches“ Spielzeug für Mädchen und was „typisches“ Spielzeug für Jungen? Ist es wirklich so, dass sich nur Mädchen gerne verkleiden und nur Jungs gerne auf dem Bauteppich spielen? Wo ermöglichen wir Jungs, sich zu verkleiden? Oder Mädchen, auch auf dem Bauteppich zu spielen? Auch Bilderbücher sollten analysiert werden. Sie beinhalten oft stereotype Darstellungen von Familie.  

Außerdem sollte das Team selbst angeschaut werden. Keine pädagogische Fachkraft darf in eine Funktion gedrängt werden, die sie nicht übernehmen möchte. Fachkräfte mit einer anderen Herkunftssprache als Deutsch werden zum Beispiel häufig als Dolmetscher eingesetzt oder als Vorbild für Familien mit Migrationshintergrund. Hier muss ein Kita-Team genau hinhören, ob die Fachkraft dies überhaupt möchte. Das Team sollte immer fokussieren, welche Stärken jede einzelne Fachkraft mitbringt und wie diese bestmöglich genutzt werden können. Dann kann es natürlich auch eine weibliche Erzieherin sein, die mit den Kindern Fußball spielt oder ein männlicher Erzieher, der mit den Kindern bastelt.  

Die Vielfalt der Kinder wird häufig als Ressource aufgegriffen und dabei bewusst herausgestellt. Welche Chancen und Herausforderungen bringt dies mit sich?

Wenn die Vielfalt der Kinder als Ressource aufgegriffen wird, fühlen sich die Kinder wertgeschätzt. Sie identifizieren sich mit der Kita, was sich positiv auf ihre Entwicklung auswirkt. Sie sind zum Beispiel offener für Bildungsangebote der pädagogischen Fachkräfte. Damit dies gelingt, sollte Vielfalt in der Kita Normalität sein.  

Stellt eine Kita die Vielfalt der Kinder bewusst heraus, besteht jedoch die Gefahr, die Kinder zwanghaft in Kategorien zu sortieren. Zum Beispiel in die Kategorie „Kinder mit Migrationshintergrund“ oder „Kinder mit Behinderung“. Dadurch können auch Vorerwartungen gestellt werden: „Das ist ein Kind mit Migrationshintergrund. Es spricht eine andere Familiensprache als Deutsch. Wir müssen also Deutsch fördern.“ Vielleicht hat das Kind jedoch ganz andere Ressourcen. Diese fallen hinten rüber, wenn die Kita sich nur auf die Kategorie konzentriert. Dies macht auch gerade bei Kindern häufig keinen Sinn. Jedes Kind ist in seiner Persönlichkeit völlig verschieden und bringt unterschiedliche Erfahrungen mit.  

Eine Herausforderung ist außerdem, die Vielfalt der Kinder auch vielfältig darzustellen. Die Kultur eines Kindes mit Migrationshintergrund wird zum Beispiel häufig nur durch typische Mahlzeiten im Kita-Alltag aufgegriffen. Ich sehe dies zwar nicht so kritisch, denn es kann auch ein guter Türöffner für die Familien sein. Dennoch sollte die gesamte Kultur dargestellt werden, damit sich die Familien wertgeschätzt fühlen. Weitere Aspekte können zum Beispiel die Sprache oder Werte einer Kultur sein.  

Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ erweitert den Ansatz „alltagsintegrierte sprachliche Bildung“ um die Themen „Zusammenarbeit mit Familien“ und „inklusive Pädagogik“. Wie passt das zusammen? 

Es ist besonders wichtig, dass das Bundesprogramm die drei Aspekte verknüpft, denn sie sind untrennbar miteinander verbunden: Inklusive Pädagogik möchte die Partizipation von Kindern und Familien in den Vordergrund rücken. Diese hängt sehr stark mit der Sprachkompetenz und der Kommunikationskompetenz von Kindern zusammen. Erst wenn Kinder zur Sprache kommen – und das meine ich wortwörtlich – steht Partizipation im Mittelpunkt. Kinder sind außerdem nicht von ihren Familien zu trennen. Kitas können zwar kompensatorisch arbeiten. Am meisten erreichen sie jedoch, wenn auch die Familien mitgedacht und Bildungsprozesse in der Familie angestoßen werden.

Kitas stehen seit Jahren vor vielfältigen Herausforderungen und übernehmen immer mehr Aufgaben. Kommt inklusive Pädagogik nun noch on top? Wie können Kitas mit dieser Herausforderung umgehen?

Inklusive Pädagogik ist für mich keine zusätzliche Aufgabe für die pädagogischen Fachkräfte. Viel mehr setzt sie eine inhaltliche Klammer um die bestehenden Aufgaben. Eine gute frühkindliche Pädagogik ist bereits inklusiv. Sie setzt zum Beispiel Dokumentationsverfahren ein, lebt Vielfalt und nutzt Qualitätskriterien für pädagogische Prozesse. Das sind gute Grundlagen, damit Inklusion gelingt.     

Welche Kinderbücher können Sie Kitas empfehlen?

Es gibt bereits viel Praxismaterial für Kitas, wie zum Beispiel das Material der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung aus der Fachstelle Kinderwelten. Auf ihrer Internetseite gibt es auch Bücherlisten.

Ansonsten lohnt sich auch der Blick in die Stadtbibliotheken oder Kinder- und Jugendbibliotheken vor Ort. Dort gibt es mehrsprachige Kinderbücher, die eine Kita kostenlos ausleihen kann.

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