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Schach in der Kita

Foto: Schach für KidsRalf Schreiber

Ralf Schreiber gründete 2006 die Initiative „Schach für Kids“. Dank ihr sind bis 2017 bereits über 45.000 Kinder in ihrer Entwicklung gefördert worden. Inzwischen wird die Initiative von vielen unterstützt – darunter auch dem berühmten Schachgroßmeister Vladimir Kramnik. Dass seine Idee mal so erfolgreich wird, konnte sich Ralf Schreiber anfangs nicht vorstellen.

Schach ist ein komplexes Spiel, das man auf den ersten Blick nicht mit Kindergartenkindern in Verbindung bringt. Trotzdem ist es Ihnen mit Ihrer Initiative auf beeindruckende Weise gelungen, zahlreiche Kindergärten von der Teilnahme zu überzeugen. Wie haben Sie das gemacht?

Ralf Schreiber: Wir haben eine eigene Methode entwickelt, mit der Kinder ab drei Jahren das Spiel lernen können. Wir arbeiten mit Chipschach, setzen also Chips statt Schachfiguren ein, das macht es übersichtlicher. So werden die Kinder nicht überfordert. Die Urform dieser Variante habe ich für meine Tochter erfunden und ihr mit zweieinhalb Jahren die Gangarten der Figuren beigebracht. Sie hat anschließend Entwicklungsschübe gemacht, die ich dem Schach zugeschrieben habe. So kam uns die Idee. Wir wollten herauszufinden, ob das auch bei anderen Kindern so ist. Dafür haben wir mit einen Großversuch im Ennepe-Ruhr-Kreis begonnen. Von 179 angesprochenen Kitas haben wir dafür 157 gewonnen. Es war wirklich erstaunlich – und unerwartet – wie viele mitmachen wollten. Wir hatten zu einem Informationsabend eingeladen und der Saal war völlig überfüllt!

Trotzdem müssen wir die Pädagogen auch heute immer wieder erst überzeugen. Viele können sich nicht vorstellen, dass Kinder ab Drei das Schachspiel lernen können, insbesondere weil viele Erzieherinnen und Erzieher es selber nicht können. Der andere Punkt, den wir immer hören ist: „Wir haben keine Zeit dafür.“ Das kann ich gut nachvollziehen. Aber das Schachspielen schenkt Zeit, denn es erhöht die Konzentrationsfähigkeit der Kinder. Oft schnappen sie sich selbst das Schachspiel und entlasten so das pädagogische Personal.

Wie sieht die Arbeit mit dem Chipschach konkret aus, wie lernen die Kinder das Spiel? Und was geben Sie Erzieherinnen und Erziehern an die Hand, damit sie es als pädagogisches Hilfsmittel einsetzen können?

Ralf Schreiber: Wir konzentrieren uns auf einzelne Figuren und lassen die Kinder Aufgaben lösen. Die Kinder beschäftigen sich zuerst längerfristig mit einer Figur. Wir arbeiten zum Beispiel mit einem Turm. Dieser soll bestimmte Chips schlagen. Das ist eine Variante. Oder man legt Hindernisse in das Spielbrett und die Kinder müssen überlegen, wie sie an eine andere Stelle gelangen. Der Bauer ist die schwierigste Figur – der kommt bei uns als letztes dran. Mit den Chips kann man Spielsituationen schaffen. So baut sich das Erlernen systematisch auf. Ganz wichtig ist uns der ganzheitliche Ansatz. Wir geben den Kitas Tipps, was sie um das Spiel herum anbieten können. Wenn der Turm dran kommt, können sie sich mit Burgen und Schlössern beschäftigen, wenn der Bauer drankommt, mit dem Thema Bauernhof. Solche Orte kann man besuchen, aber auch etwas basteln, Geschichten erfinden oder Theaterstücke mit Schachfiguren entwerfen. Es gibt also ganz viele kreative Möglichkeiten, das Schachspiel in den pädagogischen Alltag einzubetten.

Foto: Silvia MahleBasteln gehört zum Lernen dazu
Foto: Christiane KöhneSelbst gestaltete Schachfiguren
Foto: Ralf SchreiberSchach kann auch im Freien gespielt werden

Welche Fähigkeiten fördert das Schachspielen bei Kindern, auf welche Art profitieren sie davon?

Ralf Schreiber: Während dem Großversuch haben über 3.000 Kinder das Schachspielen gelernt. Danach wollten wir im Rahmen einer Studie mit rund 500 Kindern mehr über seine Effekte herausfinden. Daher wissen wir: Schach fördert die sprachliche Entwicklung, aber auch die Sozialkompetenz. Außerdem natürlich Dinge, die man bei Schach so erwarten würde: logisches Denken, räumliches Denken, vorausschauendes Denken. Das Selbstbewusstsein wird gestärkt und die Fantasie angeregt.

Das Spiel fördert die Vernetzung. Besonders ausschlaggebend ist aber: die Kinder lernen, dass Kommunizieren wichtig ist. Wenn man über das Spiel spricht, beschäftigt man sich mit Sprache. Es ist auch ein gutes Angebot an Kinder, die zum Beispiel nicht so gern Fußball spielen und froh sind, wenn sie etwas Geistiges machen können. Durch die Arbeit mit dem Spiel wurden auch schon Kinder mit Hochbegabung entdeckt. In der Schule fällt so etwas eher auf, aber in der Kita hat man dafür gar kein Messinstrument.

Dank „Schach für Kids“ hat das Schachspiel in vielen Kindertageseinrichtungen seinen festen Platz im Spielrepertoire der Kinder. Welche Resonanz bekommen Sie von teilnehmenden Einrichtungen? Welche Erfahrungen machen diese mit ihren Kindern?

Ralf Schreiber: Das Spiel ist vielfältig und deshalb auch die Möglichkeiten. Eine Kita setzt das Spiel zum Beispiel bei Kindern mit Autismus ein. Eine andere Kita hat eine Kooperation mit einem Seniorenheim. Die Kinder bringen dort den Bewohnern das Schachspielen bei. Es ist ganz fantastisch, was da mit den sozialen Fähigkeiten passiert. Mir wurde auch von Fällen berichtet, da hatten Kinder eine Sprachblockade und haben in der Kita erstmal nicht gesprochen. Durch das Spiel wurde die Blockade aufgebrochen und die Kinder fingen an zu kommunizieren. Gemeinsam mit einer Kita-Leiterin habe ich mal beobachtet wie zwei Kinder spielten – und 20 andere dabeistanden und zuschauten. Plötzlich sagte ein kleines Kind, ungefähr dreieinhalb: „Das ist ein falscher Zug“. Die Leiterin erzählte mir dann, dass das Kind noch nie mitgespielt und sich nur durch Beobachten die richtigen Gangarten der Figuren gemerkt hatte. 

Viele Kitas aus der Anfangszeit nutzen es auch als Thema für Sommerfeste. Schach ist international und bringt Eltern aus verschiedenen Kulturen zusammen. Gerade in Osteuropa und in Asien hat es einen noch viel stärkeren Stellenwert als hierzulande. Bei so einem Fest spricht man über das Spiel, kommt dann aber auch auf andere Dinge. Es ist ein Kommunikationsmittel. Es gibt eine digitale Version unseres Spiels, mit dieser kann eine Kita aus Berlin mit einer aus Moskau spielen. Das ist ein Anlass, sich mit anderen Ländern und Kulturen zu beschäftigen. So wird der kulturelle Austausch gefördert. Die Resonanz und die Unterstützung, die die Initiative von verschiedenen Seiten erfahren hat, sind wirklich großartig. Ein aktuelles Beispiel: Im Sommer 2017 war der frühere dreifache Schachweltmeister Vladimir Kramnik zu Gast in einer Dortmunder KiTa und hat dort gegen 25 Kinder simultan gespielt. An fünf Brettern spielte er Chipschach und über einen Laptop Chipschach digital gegen eine KiTa in Hattingen. Dies war das erste Mal, dass ein Top-Schachspieler in einer KiTa simultan gespielt hat.

Von Erzieherinnen und Erziehern bekommen wir außerdem oft das Feedback: „Jetzt haben wir auch verstanden, wie Schach funktioniert.“ Was bei kleinen Kindern funktioniert, geht eben auch bei Erwachsenen.

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